Ausgangslage und städtebauliche Einbindung
Die Innenstadt von Hannover steht, wie viele europäische Grossstädte, vor der Herausforderung rückläufiger Einzelhandelsumsätze und massiver Leerstände. In seiner Lage zwischen der grossmassstäblichen City und der kleinteiligen, historisch geprägten Altstadt kommt dem ehemaligen Kaufhof-Gebäude eine besondere städtebauliche Bedeutung zu. Seine Transformation bietet die Chance, einen bislang monofunktionalen und geschlossen wirkenden Baukörper in einen offenen, durchlässigen und vielfältig nutzbaren Stadtbaustein umzuwandeln.
Die neue Fassade wird dabei zum zentralen Instrument, um zwischen Vergangenheit und Zukunft, zwischen denkmalgeschütztem Kontext und zeitgemässer Nutzung, zwischen Massivität und Transparenz zu vermitteln.
Der Entwurf respektiert die besondere Lage des Gebäudes im sensiblen Umfeld der Altstadt und der Marktkirche. Die bestehende Kubatur, Höhenentwicklung sowie die markante Dachzone bleiben erhalten und sichern die Einbindung in das historische Stadtbild.
Fassadenkonzept
Die neue Fassade ist zweischichtig aufgebaut. Die innere Ebene bildet eine transparente thermische Hülle aus Glas, die maximale Tageslichtversorgung für die tiefen Grundrisse und insbesondere für die Schulräume ermöglicht.
Die äussere Hülle besteht aus einer selbsttragenden, vertikal strukturierten Klinkerfassade. Rötliche, teils glasierte Klinkerriemchen nehmen Bezug auf die Backsteinarchitektur Hannovers und binden das grosse Bauvolumen farblich und materiell in die angrenzende Altstadt ein.
Zwischen beiden Schichten entsteht ein differenziert ausgebildeter Fassadenzwischenraum. Je nach Nutzung variiert seine Tiefe; teilweise dient er als Pausen- und Aufenthaltsbereich für die Schülerinnen und Schüler.
Vor- und Rücksprünge sowie unterschiedliche Fassadentiefen lösen die Blockhaftigkeit des Bestands auf und erzeugen ein lebendiges Licht- und Schattenspiel.
Stadtraumaktivierung und besondere Akzente
Dem Erdgeschoss kommt eine besondere Bedeutung für die Belebung des Umfelds zu. Die Fassadensprache unterscheidet sich bewusst von den Obergeschossen und vermittelt Offenheit, Urbanität und Nutzungsvielfalt. Unterschiedliche Stadträume werden adressiert und durch präzise gesetzte Öffnungen, Rücksprünge und Aufenthaltsangebote räumlich aktiviert. Der Eingang der Berufsbildenden Schule wird akzentuiert ausgebildet durch eine in die Klinkerfassade integrierte Beschriftung. Die Schule erhält damit eine eigenständige Adresse im Stadtraum. Eine Stadtloggia im 1. Obergeschoss öffnet die dahinterliegende „Town Hall“ der Schule mit Blick auf Marktkirche und Hanns-Lilje-Platz.
Dachlandschaft
Die Dachlandschaft wird als zusammenhängender, ökologisch wirksamer Ausgleichsraum verstanden. Box-Apartments, Sporthalle, Penthouse und Dachgarten sind so angeordnet, dass funktionale, statische und städtebauliche Anforderungen erfüllt werden, ohne die bestehende Silhouette zu beeinträchtigen. Der Dachgarten fungiert als identitätsstiftender Aufenthaltsort und erweitert das Gebäude um eine neue, gemeinschaftlich nutzbare Ebene.
Technik, Energie und Wirtschaftlichkeit
Die Fassaden- und Gebäudekonzeption zielt mit einem konsequenten Low-Tech Ansatz auf die Erreichung des Energiestandards KfW55. Die transparente thermische Hülle optimiert den Tageslichteintrag und reduziert den Kunstlichtbedarf. Textile Vertikalrollos sowie die Bestandsgeometrie minimieren sommerliche Überhitzung. Die Dachflächen der neuen Wohnbauten erhalten grossflächige Photovoltaikflächen. Die vertikalen Klinkerriemchen-Lisenen sind als vorgefertigte Stahlleichtbauelemente konzipiert. Durch den Erhalt der bestehenden Fassadenlinien werden aufwändige konstruktive Ertüchtigungsmassnahmen vermieden, was Ressourcen schont und die Wirtschaftlichkeit des Projekts stärkt. Das Ergebnis ist ein langlebiges und energetisch effizientes Gebäude, das den Bestand architektonisch stärkt, aufwertet und nachhaltig in die Zukunft führt.