Herzog & de Meuron
Project
1994

Project Description available in German

Das Ziel der Studie

Die Studie √ľber das Neust√§dter Feld in Magdeburg ist der Versuch einer Auseinandersetzung mit einem Typus von Stadtplanung. Dieser Typus oder diese Eigenart von Stadtplanung wurde seit 1945 in der DDR entwickelt und an verschiedenen Orten im Land realisiert. So sehr dieser St√§dtebau tats√§chlich einen eigenen Typus zu verk√∂rpern scheint, welcher auf standardisierten Geb√§udetypen aufbaut, die im ganzen Land zu verschiedenen st√§dtischen Konfigurationen zusammengesetzt wurden, so wenig entstanden dabei typische, urbane Siedlungen, welche den zugrundeliegenden Bautypus vergessen lassen und einen eigenen, unverwechselbaren Charakter zum Ausdruck bringen.

Bei der Studie steht nicht die technische Sanierung von Gebäuden und auch nicht die funktionelle Anpassung der Infrastrukturen an den westlichen Standard der Gegenwart im Vordergrund.

Das Interesse gilt vielmehr der heutigen Stadt Magdeburg als st√§dtebauliches Ganzes, in welchem das Neust√§dter Feld zu einem spezifischen Ort werden soll: zu einem st√§dtischen Quartier mit einer eigenen st√§dtebaulichen und landschaftsgestalterischen Ausformung. Dabei soll die bauliche Grundstruktur aus DDR-Zeiten weitgehend beibehalten werden, √§hnlich wie bei einer Stadtgr√ľndung, die sich im Verlauf der Geschichte durch Zubauten und Ver√§nderungen erst richtig entfaltet.

Die Stadt Magdeburg heute

Ein Blick auf den Stadtplan lässt erahnen, dass sich die Stadt Magdeburg nach einem ähnlichen Muster entwickelte wie viele andere europäische Städte:

Man kann erkennen, dass es eine mittelalterliche Stadt am Fluss gab, an einem topografisch und strategisch m√∂glichst vorteilhaften Ort, einer Furt √ľber die Elbe.

Die barocke Wallanlage legte sich als √ľppiger Zackenkranz sch√ľtzend um den mittelalterlichen Stadtperimeter.

Im ausgehenden 19.Jh. wurde diese Wallanlage oder zumindest Teile davon zu einer städtischen Parkanlage umgestaltet.

Etwas ausserhalb der mittelalterlichen und barocken Anlage gr√ľndete Napoleon per Dekret um 1812 die klassizistische Neue Neustadt mit einem idealen, streng geometrischen Stadtgrundriss. Diese klassizistische Neugr√ľndung ist eine Spezialit√§t Magdeburgs und eine Ausnahme unter deutschen St√§dten.

Die Eisenbahnlinie und der Hauptbahnhof bildeten das Herzst√ľck eines Wachstumsschubs im 19.Jh. mit rasterartig angelegten, dicht bebauten Stadtquartieren.

In den 20er und 30er Jahren entstanden von der Gartenstadtidee inspirierte Wohnsiedlungen, welche den Stadtperimeter beträchtlich erweiterten.

Von allen diesen Stadtteilen sind wegen der Zerst√∂rungen in und nach dem Krieg nur noch Bruchst√ľcke vorhanden, d.h. Reste, welche nur dem historisch geschulten Betrachter Hinweise auf den fr√ľheren Stadtgrundriss erm√∂glichen. Im realen Stadtraum sind diese Stadtteile aber nicht mehr erfahrbar; man erkennt keine eigentlichen Stadtteile mehr, Quartiere, die sich voneinander unterscheiden, wo schmale Gassen oder breite Boulevards, Baumalleen oder Obstg√§rten unterschiedliche stadt- und landschaftsr√§umliche Erfahrungen erm√∂glichen.

Man findet den Bahnhof nicht, man verpasst das Zentrum und fragt sich, wo der Fluss ist. Man kann sich nicht orientieren, weil die Stadtr√§ume keine intuitive, aus der Erfahrung mit anderen St√§dten gewonnene Orientierung zul√§sst und weil auch keine neue, andersartige, z.B. auf Logik, Symbolik oder wenigstens auf Verkehrseffizienz aufbauende Ordnung an die Stelle der fr√ľheren, historisch und stadtr√§umlich gegliederten Konzeption getreten ist. Es ist eine eigent√ľmliche, befremdende, zun√§chst beinahe unheimliche Leere sp√ľrbar, wie ein gebautes Nichts, wie ein Antiraum, paradoxerweise gebaut aus meist grossen Geb√§uden.

Es sind aber nicht diese grossen Plattenbauten, welche hauptverantwortlich sind f√ľr die Orientierungslosigkeit, sondern die verheerende stadtr√§umliche Konzeption, nach denen die verschiedenen Siedlungen gebaut wurden. Die Konzeption dieser Siedlungen ist entweder aus Unverm√∂gen oder dann bewusst so angelegt, dass der einzelne Mensch seine Orientierung im Raum und sein Gef√ľhl f√ľr den Raum verliert und deshalb auch ganz direkt verstanden gar keinen eigenen Standpunkt mehr haben kann.

Einzeln betrachtet haben gewisse Typen der Plattenbauten durchaus ihren Charme, der sich zwar nicht vergleichen lässt mit der Niedlichkeit von Gartensiedlungen, der aber einer grosstädtischen Agglomeration angemessen ist.

Das Neustädter Feld heute

Das Neust√§dter Feld ist ein typisches Beispiel f√ľr den St√§dtebau nach 1945 in Magdeburg und in anderen St√§dten der fr√ľheren DDR. Es ist eine sogenannte Plattensiedlung, weil sie in Grosstafelbauweise aus vorfabrizierten Betonplatten erstellt wurde. Auf einem Rechteck von etwa 700 m x 1100 m entstanden hier in den Jahren 1975 bis 1989 ca. 5000 Wohnungen.

Das Neust√§dter Feld ist ein solcher Ort, der wie eine gebaute Leere wirkt. Obwohl aus grossen, meist f√ľnfgeschossigen Wohnbl√∂cken gebaut, entsteht kein Gef√ľhl von grossz√ľgiger Weite, sondern von Masstabslosigkeit. Es entstand paradoxerweise trotz all diesen teilweise riesigen und eindr√ľcklichen Geb√§uden kein gebauter Raum, sondern ein gebautes Nichts. Dieses Gef√ľhl eines gebauten Nichts entsteht, weil es keine unterschiedlichen R√§ume gibt, keine Abstufungen zwischen engen und schmalen Durchg√§ngen, Gassen oder Strassen und weiten, offenen R√§umen, z.B. einem Platz oder einem grossz√ľgigen Boulevard. An einen solchen Boulevard dachte man zwar, aber die tats√§chliche Gestalt der begr√ľnten Ost-West-Achse unterscheidet sich kaum von einer anderen Strasse oder irgendeinem Hinterhof der Siedlung. Der Hinterhof wiederum ist aber gar kein Hinterhof, in dem sich ein eigenes Leben entfalten k√∂nnte, irgendein Handwerksbetrieb oder ein Spielplatz, ein von Jugendlichen in Beschlag genommenes Feld f√ľr Fussball oder Streetball, ein Gartengrill oder auch nur ein Abstellplatz f√ľr irgendwelchen Ramsch.

Wo es keinen Hinterhof gibt, da gibt es eben auch keinen Boulevard, keinen Platz, keine Allee, keine Vorderseite und keine R√ľckseite.

Die Geb√§ude und die Geb√§udeformen an den √§usseren R√§ndern der Siedlung sind die gleichen wie im Inneren. Man betritt die Siedlung von irgendeiner Seite und steht noch immer draussen ‚Äď oder etwa doch schon drinnen? Diese Irritation verst√§rkt sich und f√ľhrt zur Orientierungslosigkeit; die Geb√§ude m√§andrieren, bilden Hofformen, drehen sich auseinander und ineinander, schl√§ngeln sich kantig und brechen abrupt ab. Wohin weisen die Bauk√∂rper? Bilden sie ein Zeichen, verweisen sie auf eine topografische Besonderheit, ist irgendeine Logik oder ein Sinn erkennbar? Das Aufheben von Innen und Aussen kann ein interessantes, architektonisches Ausdrucksmittel sein, welches ‚Äď auf ein Geb√§ude beschr√§nkt ‚Äď grunds√§tzliche Fragen des Standpunktes und der Wahrnehmung aufzuwerfen hilft. Wird diese Unbestimmtheit auf ein ganzes Stadtquartier und gar dar√ľber hinaus auf die ganze Stadt ausgedehnt, entsteht ein Gef√ľhl von Ohnmacht und Hilflosigkeit angesichts einer derart erschwerten Orientierung.

Betrachtet man die Siedlung von oben, aus der Vogelperspektive, wird die Desorientierung, die man auf der Ebene des Menschen so sehr sp√ľrt, erst richtig verst√§ndlich:

Die sich ineinanderschlingenden Hofformen, die abgewinkelten Bauk√∂rper k√∂nnen in ihrer Gesamtform erkannt werden. Gewisse Geb√§udefiguren sind wiederholt eingesetzt ‚Äď manchmal einfach seitenverkehrt. Weder die Geb√§udefiguren selbst, noch deren Duplizierung lassen aber eine eigentliche st√§dtebauliche Absicht erkennen. Falls es dennoch eine solche Absicht gab, so kann es sich nur um eine bewusste Verwirrstrategie gehandelt haben, √§hnlich wie beim Labyrinth in der griechischen Sage, aus welchem nur ein Priamos dank Ariadnes Faden herausfinden konnte.

Das Projekt: √úberlegungen zum Neust√§dter Feld als einem zuk√ľnftigen urbanen Quartier von Magdeburg

Wie können die offensichtlichen städtebaulichen Mängel der Siedlung behoben werden? Braucht es dazu eine Radikalkur, z.B. einen totalen oder teilweisen Abbruch? Oder ein völlig neues internes Strassensystem? Oder einfach nur neugestaltete Fassaden?

Die Vorschläge in diesem Projekt sind sehr einfach; sie erscheinen so selbstverständlich, beinahe banal zu sein, weil sie einer Beschreibung eines städtischen Quartiers in irgendeiner anderen europäischen Stadt entnommen zu sein scheinen. Und gerade dieses Selbstverständliche und Naheliegende, das wir an einem vertrauten Stadtquartier so schätzen, versuchen wir durch den vorgeschlagenen Katalog von städtebaulichen Massnahmen zu erreichen.

Die Elemente dieser Massnahmen sind die gleichen geblieben, seit es Städte gibt, sie lassen sich mit den Farben auf der Palette des Malers vergleichen oder mit den Noten des Komponisten. Es sind die Strasse, das Haus und der Garten.

Trotz des beschriebenen Gef√ľhls eines st√§dtebaulichen Antiraums in der heutigen Siedlung lassen sich doch einige Besonderheiten und Unebenheiten aufsp√ľren. Diese sind der Ausgangsort f√ľr unsere st√§dtebaulichen Vorschl√§ge. Hier fanden wir Ans√§tze f√ľr die notwendigen Ver√§nderungen, welche bestehende Merkmale der Siedlung verst√§rken k√∂nnen und zu eigentlichen stadtr√§umlichen Merkmalen des zuk√ľnftigen Quartiers ausbauen lassen:

Solche Besonderheiten sind die breite Ost-Westachse mit den Turmh√§usern, die drei beinahe orthogonal dazu verlaufenden Nord-S√ľd-Strassen, der Gr√ľnstreifen mit den Einfamilienh√§usern und die beinahe rechteckige Gesamtform des Neust√§dter Felds. Diese Merkmale der heutigen Siedlung bilden das Ger√ľst f√ľr das zuk√ľnftige Quartier.

Das Quartier von aussen: der Rand der Siedlung wird erkennbar gemacht.

Der Rand der Siedlung wird ringsum markiert. Der heutige, unscharfe √úbergang zu benachbarten Zonen wird mit zus√§tzlichen Geb√§uden und einer umlaufenden Gr√ľnanlage korrigiert. Insbesondere ein B√ľro-und Gewerbestreifen entlang der Stadtautobahn wird als als verdichteter Quartierrand besonders in Erscheinung treten.

Es entsteht so eine r√§umliche Begrenzung, der Rand eines st√§dtischen Quartiers, das an andere Quartiere angrenzt und sich von anderen Quartieren durch seine √§ussere Form unterscheidet. Die rechteckige Gesamtform ‚Äď in der heutigen Form der Siedlung nur undeutlich erkennbar ‚Äď wird zu einem ebenso eing√§ngigen wie einfach zu erreichenden Merkmal des Quartiers, welches nun pl√∂tzlich in einen Dialog zu treten vermag mit der benachbarten Neuen Neustadt.

Das Quartier im Innern: eine Strenge Orthogonalit√§t mittels Verdichtung entlang den Nord-S√ľdachsen

Die aussen am Quartierrand erkennbare Rechtwinkligkeit soll nicht bloss ein formaler Einfall sein, der im Innern des Quartiers bereits zu Ende ist. Das vorhandene Strassennetz soll grunds√§tzlich beibehalten werden; durch geringf√ľgige Manipulation der heute unmotiviert gekr√ľmmten und abgebogenen Nord-S√ľd verbindenden Strassen entsteht eine strenge, orthogonale Grundstruktur, welche die logische und naheliegende Erg√§nzung darstellt zu der rechtwinkligen Gesamtform des Quartiers. Ein anders geformtes Strassennetz h√§tte den Abbruch oder mindestens Teilabbruch der bestehenden Geb√§ude zur Folge. Die vorgeschlagene strenge Orthogonalit√§t ist der Versuch, dem √∂ffentlichen Raum mit pragmatischen Mitteln ein ebenso eing√§ngiges, einfaches und dennoch unverwechselbares Gepr√§ge zu geben.

Die Ost-Westachse, welche wie ein breiter Boulevard, der ins Niemandsland reicht, angelegt wurde, vermag nicht die wesentlichen st√§dtischen Infrastrukturen eines grossen Quartiers, wie t√§glicher Einkauf, Restaurants, Schulen und Bankfilialen zu √ľbernehmen. Dazu scheint die Nord-S√ľdachse (die Kritzmannstrasse), die heute schon lebendiger ist und entlang welcher auch die Schulgeb√§ude konzentriert sind, in Zukunft besser geeignet zu sein. Diese Strasse, ebenso wie die Othrichstrasse, sollen mit zus√§tzlichen Bauten so verdichtet werden, dass eine Durchmischung von st√§dtischen Aktivit√§ten entstehen kann, welche auch neue Gesch√§fte und das eine oder andere Restaurant anzuziehen vermag.

Die Ost-Westachse wird zu einem zentralen, √∂ffentlichen Park umgestaltet, dem ‚ÄúNeust√§dter Park‚ÄĚ, welcher eine eindeutige, der Erholung dienende Funktion erh√§lt. Die jetzt dort angesiedelten L√§den und Restaurants finden eine weit vielversprechendere Passantenlage entlang der Kritzmannstrasse und der Othrichstrasse.

Herzog & de Meuron, 1994

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Team

Facts

Client
Landeshauptstadt Magdeburg, Baudezernat