Herzog & de Meuron

1. Einleitender Blick auf einen Stadtplan
Wenn wir den Plan einer Stadt, z.B. der Stadt Basel, anschauen, f√§llt auf, dass es dichtere, geometrisch bestimmte Formen gibt, welche das Zentrum definieren, und ‚Äěweichere‚Äú, sich am Rand anlagernde, zunehmend aufl√∂sende Formen. Dazwischen liegen wenige ‚ÄěSt√∂rzonen‚Äú, wie z.B. besonders verdichtete Industrieareale oder das Schienensystem der Eisenbahn, das durch seine fliessende Form einen besonders auff√§lligen Kontrast darstellt zu den kristallinen Formen der historischen Quartiere.

2. Das Architektonische Projekt: Die Projektion des Wahrnehmungsmodells des Architekten
Unsere Wahrnehmung der Stadt ist aufs engste verbunden mit dem architektonischen Produkt, das wir herstellen. Das architektonische Produkt tendiert sogar dahin, identisch zu sein mit unserer Wahrnehmung der Stadt. Wir versuchen, unsere architektonischen Bilder zu finden wie der Detektiv den Beweis am Tatort, wie der Naturwissenschaftler das System in der Natur. Es ist alles schon vorhanden, aber es kostet uns grösste Anstrengungen, die einfachsten Zusammenhänge wahrzunehmen. Wir stehen vor einem Rätsel und dieses Rätsel wird immer schwieriger, weil die Zusammenhangslosigkeit in unserer Kultur immer grösser wird. Welches ist das Wahrnehmungsmuster, aus dem unsere eigenen Projekte herausprojiziert werden?

Der Naturwissenschaftler schafft Modelle, um die Wirklichkeit der Natur zu erkennen, zu qualifizieren und zu beschreiben. In √§hnlicher Weise verwenden wir die Architektur als eine Art Modell oder Werkzeug dazu, die Wirklichkeit der Stadt wahrzunehmen, d.h., etwas zu begreifen, es in einem Zusammenhang zu sehen, einen Sinnzusammenhang zu schaffen. Deshalb soll hier ein Vergleich versucht werden zwischen dem naturwissenschaftlichen Modell ‚Äď basierend auf der Atomtheorie ‚Äď und unserer Wahrnehmung der Stadt. Gewisse Bilder aus der naturwissenschaftlichen Forschung sollen auf die sichtbare Welt der Architektur der Stadt angewendet werden. Dieser Vergleich interessiert uns, weil die naturwissenschaftliche Forschung die Wirklichkeit untersucht und dabei f√ľr unsere Augen unsichtbare, aber deshalb nicht weniger reale Bilder der Welt der Materie aufsp√ľrt. Uns interessiert der Zusammenhang zwischen dieser unsichtbaren und der sichtbaren Welt. Das unsichtbare Bild interessiert uns, weil es das sichtbare Bild als einen Teil eines Prozesses begreifen l√§sst, d.h. als Teil einer Verkn√ľpfung von Teilen zu einem Ganzen, so wie das im nat√ľrlichen Objekt in einer Vielfalt und Sinnhaftigkeit geschieht, die vom k√ľnstlichen Objekt nicht erreicht werden kann.

3. Der Kristallkörper der Stadt
Die Kr√§fte, welche zwischen den einzelnen Atomen und Molek√ľlen einer Substanz wirken, sind bestimmend f√ľr die Intensit√§t des Zusammenhalts dieser Materieteile innerhalb des Kristallgitters. Diese Energie zwischen den Materieteilen ist eng verbunden mit der Form des Kristallgitters eines Stoffs und damit letztlich auch mit der √§usseren, sichtbaren Form der Materie. Es gibt Kristallformen, deren Geometrie eine besonders starke Bindung der einzelnen Atome erm√∂glicht, und andere Kristallformen, bei denen einzelne TeiIe
sich stärker (weg-)bewegen, wodurch die Kristallform viel eher zu einer Auflösung, zu einer Veränderung
hin tendiert.

Die traditionelle alte Stadt ist einem kristallinen Festk√∂rper vergleichbar, wie ihn die Physik und die Chemie beschreibt. Seine Kristallstruktur hat eine feste, spezifische Gitterform, doch √§hnlich wie bei nat√ľrlichen Festk√∂rpern ‚Äď also z.B. bei Gesteinen, Metallen und Keramiken ‚Äď sind diese Anordnungen gest√∂rt, unrein, bisweilen gar mit einer Tendenz, die eigentliche, spezifische, typische, unverwechselbare Struktur zu verlieren. In der Kristallographie √§ussert sich das in einem verminderten H√§rtegrad bis hin zu einer ver√§nderten Erscheinungsform des Kristalls. Beim Hinzuf√ľgen von Energie, z.B. von W√§rme, oder bei anderen Substanzen, z.B. im Falle von Kochsalz, beim Hinzuf√ľgen eines L√∂sungsmittels wie Wasser, setzt in der Gitterstruktur, der spezifischen Form des Kristalls, eine langsame Zerst√∂rung ein. Es findet ein Aufl√∂sungsprozess statt: die Materie erh√§lt einen neuen Aggregatszustand.

So wie die festgef√ľgte, kristalline Materie erscheinen uns auch die historischen Quartiere der Stadt, die Pal√§ste und Pl√§tze der Renaissance, des Barock und des 19. Jahrhunderts, die Kirchen und Monumente. In unserer Vorstellung ‚Äď und gleichzeitig aus der Perspektive der langsamen und behutsamen Planungsschritte, welche die schweizerische Demokratie bedingt ‚Äď erscheinen uns diese festgef√ľgten historischen Stadtk√∂rper als derart unverr√ľckbar und unver√§nderlich, dass wir diese als junge Studenten gar nie als eigentliche Architektur betrachteten, also als Produkt eines Arbeitsprozesses, wie wir es selbst ein Leben lang herzustellen versuchen w√ľrden, sondern eben als ein unverr√ľckbares Gef√ľge, in welchem lediglich sporadisch gewisse Teile geflickt werden m√ľssen, wie bei einem Gebiss.

4. Die Auflösung des Kristallkörpers
Zweifellos sind die Kr√§fte und kulturellen Energien, welche diesen festgef√ľgten, kristallinen, historischen Quartieren zugrunde liegen, nicht vergleichbar mit den heutigen politischen und kulturellen Kr√§ften. Die Klarheit, Eindeutigkeit und Traditionsverbundenheit und damit die Selbstverst√§ndlichkeit, mit welcher der kristalline K√∂rper der Stadt sich aus einer spezifischen Logik entwickelte, ist heute undenkbar geworden. Wir ertragen deshalb jene heute geschaffenen Architekturen nicht mehr, die so tun, als sei Tradition im Sinne einer verbindlichen gesellschaftlichen √Ąsthetik durch Simulation von traditionellen Stilen und Formen wiederherzustellen. Auch das zynische Argument, dass die Simulation historischer Architekturen und Skulpturen dem Geschmack der meisten Leute entspreche, kann daran nichts √§ndern.

Wir sind heute weit entfernt von den traditionellen historischen Wirkkr√§ften, den politischen Machtk√§mpfen der Kirche, des Adels und der Bourgeoisie. Wir kennen sie zwar aus den B√ľchern, und wir leben noch in den geflickten Resten ihrer St√§dte, aber wir verstehen sie aus der Perspektive unserer Wirklichkeit, mit unserer ver√§nderten Wahrnehmung, √§hnlich wie das geschieht bei der Betrachtung eines alten Gem√§ldes von Velazquez oder Goya.

So wie der festgef√ľgte Stadtk√∂rper dem physikalischen Modell des kristallinen Festk√∂rpers entspricht, findet seine zunehmende Aufl√∂sung einen bildhaften Vergleich in den abnehmenden Kr√§ften unter den einzelnen Teilen einer Substanz durch Hinzuf√ľgen von Energie, z.B. bei ihrer Erw√§rmung.

Dem Übergang von etwas kristallin Erstarrtem zu etwas amorph Aufgeweichtem entspricht der Wandel der äusseren, spezifischen Gestalt einer traditionellen Stadt hin zu den heutigen, weniger spezifischen, wie in Knorpel aufgelösten Stadtformen. Diese knorpelige Stadtmasse ist direktester Ausdruck der sich weltweit umlagernden kulturellen Energien.

Unsere Empfindungen sind zwiesp√§ltig gegen√ľber dieser Tatsache. Wir sind in dieser aufgel√∂sten, offenen Stadtsituation irgendwie heimisch, weil wir ja mitten in diesen Aufl√∂sungsprozess hineingeboren worden sind, der in den Schweizer St√§dten nach dem Krieg einsetzte. Viele unserer Projekte sind st√§dtebaulich und architektonisch ja auch unmittelbar mit der nicht kristallinen, aufgel√∂sten Stadtform konfrontiert, z.B. das Foto Studio Frei, das Schwarz-Park-Projekt oder das neue Lokdepot. Andererseits m√∂chten wir uns klar abgrenzen gegen die modische Vorliebe f√ľr die Peripherie der St√§dte ‚Äď eine typische Marotte der Architekten, die sich von falsch verstandenen Filmbildern von Antonioni oder Wenders darin noch best√§rkt f√ľhlen. Die heutige, aufgel√∂ste, periphere Stadtform ist die Folge einer politischen und kulturellen Ohnmacht und nicht Ausdruck einer ver√§nderten, zu gr√∂sserer Offenheit und Individualit√§t hin tendierenden Gesellschaft.

Jacques Herzog & Pierre de Meuron