Herzog & de Meuron

Architektur √ľberfl√ľssig machen, verschwinden lassen aus unserem Bewusstsein, sich etwas anderem zuwenden: Stadt ist dann wie Natur geworden. Sie braucht keine Erfindung mehr. Sie ist nicht mehr ausdehnbar. Sie ist √ľberall. Sie ist nicht mehr kopierbar, weil sie sich zu Ende kopiert hat. Entropie der Architektur.

Welches ist die Architektur, die wir suchen, auf die wir zugehen? Die Architektur, die uns dr√§ngt und antreibt, die entdeckt werden will, aufgesp√ľrt aus der Verborgenheit unseres architektonischen Bewusstseins oder eher Unterbewusstseins? Die ans Licht dr√§ngt wie das Insekt, um, dort angekommen, ihr unausweichliches Schicksal zu erf√ľllen. Warum gerade diese Architektur und keine andere, obwohl es doch eine unendliche Zahl anderer M√∂glichkeiten g√§be? Die Architektur, f√ľr die wir k√§mpfen, die wir als Position zu definieren suchen, durch befreundete oder angeheuerte oder sich anerbietende Kritiker definieren lassen, damit diese nun Position gewordene Architektur verteidigt werden kann, ausgebaut gegen√ľber anderen Positionen aus der unersch√∂pflichen Menge anderer Formen, anderer K√∂rper, anderer Oberfl√§chen, anderer Statik und anderer Transparenz. Die Architektur, die wir denken, zeichnen, einbilden, beschreiben, die wir photographieren und mit Video umkreisen, die wir als richtig, richtiger oder zumindest als wichtiger gegen√ľber anderer, √§lterer oder gleichaltriger Architektur unterscheiden; die Architektur, die wir lieben, oder zumindest w√§hrend einer Phase unseres Lebens liebten, der wir nachliefen, die wir begleiten mit der ganzen Energie unserer Wahrnehmung, Tag und Nacht, in die wir eindringen, k√∂rperlich und gedanklich, die ohne uns nicht existiert und wir nicht ohne sie.

Die Architektur, die uns anzieht wie ein Magnetfeld. Und wir, die ja dieses elektromagnetische Feld erzeugen f√ľr unsere Projekte? Diese Projektionsfl√§che, diese Ebene der √úberschneidung, der Beinahe-Identit√§t der Architektur und des Architekten. Und wir also erzeugen diese Spannung und unterliegen ihr, trotz jahrelanger professioneller Erfahrung, trotz gleichg√ľltiger Miene, trotz leidenschaftslosem Auftreten? Das architektonische Projekt ist, wie der Name sagt, eine Projektion: eine geistige, gedankliche Projektion von K√∂rper zu K√∂rper. Architektur ist die Ausdehnung des K√∂rpers des Architekten in eine neue, projizierte Erscheinungsform. Sie ist eine Art Reproduktion, ein Abdruck oder eher ein Ausdruck s√§mtlicher sinnlicher Erfahrungen des Architekten. Sie gleicht darin dem Film des Filmemachers oder dem Bild des Malers und dem Song des Musikers. Es ist die physisch-sinnliche Pr√§senz des Films im Kinosaal und des Tons im Lautsprecher (und nicht irgendeine biographische oder unterhaltende Komponente), die uns fasziniert, die uns bewegt, die uns eine Begegnung mit unserer eigenen physischen Pr√§senz erm√∂glicht.

Die Architektur w√§re damit ‚Äď von uns geschaffen, mit unserer Biographie verbunden ‚Äď gar ein leibhafter Teil von uns selbst? Von uns st√§ndig projektierenden, projizierenden Wesen, die sich bald abwenden von ihr hin zu neuen Projekten, treulos, erbarmungslos, sich lossagen, wegbewegen von ihnen, sie abstossen gleich einer abgebrannten Raketenstufe.

Und die Architektur? Sie entfernt sich ihrerseits von uns, l√§ngst in Besitz genommen, vielleicht als Kapitalanlage n√ľtzlich und brauchbar, sicher aber mit einem Kommunikationswert f√ľr andere, einpr√§gsam durch ihr eigenes Wesen, losgel√∂st von unseren biographischen Zuf√§lligkeiten. Sie steht da, als sei sie durch sich selbst entstanden, ohne die l√§cherliche Partikularit√§t eines Autors, ohne dessen Handschrift, ohne Fingerabdr√ľcke oder Schweissr√§nder oder gar Verletzungen wie bei einer missratenen Zangengeburt. Die Architektur, sie ist verst√§ndlich nur durch sich selbst, ohne Hilfskr√ľcken, herstellbar nur aus Architektur, nicht aus Anekdoten oder Zitaten oder Funktionsabl√§ufen. Architektur ist eigene Wesentlichkeit an ihrem Ort.

Jacques Herzog & Pierre de Meuron