Herzog & de Meuron
Competition
1995
Project
2000

Vorgeschichte des Projekts

Der Verband Basler Bauunternehmer lud den K√ľnstler R√©my Zaugg ein, ein Projekt f√ľr die Verkehrsinsel des R√ľdenplatzes zu entwerfen.

Diese Verkehrsinsel, ein nierenf√∂rmiges Dreieck mit abgerundeten Ecken, eine ehemalige Tramhaltestelle, an der lange ein Kiosk stand, wird an ihrer l√§ngsten Seite von Tramgleisen ges√§umt. Die l√§ngste der beiden √ľbrigen Seiten liegt genau in der Mitte des kanalisierten und √ľberdeckten Birsigflusses, dessen unsichtbarer Lauf unter der ganzen Stadt hindurchf√ľhrt: vom Zoo bis zum Rhein, in den er etwas unterhalb der Mittleren Br√ľcke m√ľndet.

Die st√§dtebauliche Studie ¬ęEine Stadt im Werden?¬Ľ, die Herzog & de Meuron 1991/92 in Zusammenarbeit mit R√©my Zaugg √ľber die grosse Dreil√§nder-Agglomeration Basel durchf√ľhrten, fusste im wesentlichen auf der Topographie, insbesondere auf dem Rhein und dessen Zufl√ľssen Birs, Wiese und Birsig. Der Birsig, der das historische Zentrum der Stadt mitgepr√§gt hat, fliesst genau unter der Verkehrs-insel des R√ľdenplatzes hindurch. R√©my Zaugg erinnerte sich an das Projekt, das seine Architektenkollegen im Jahre 1979 zur Neugestaltung des Marktplatzes vorgelegt hatten; es verfolgte den Zweck, die Existenz des unter der Stadt hindurchfliessenden Birsigflusses sichtbar und zudem die gegenw√§rtige Form der Altstadt verst√§ndlicher zu machen. So lud R√©my Zaugg seinerseits Herzog & de Meuron ein, sich am Projekt f√ľr den R√ľdenplatz zu beteiligen.

Projekt

Die Form der Basler Innenstadt ist haupts√§chlich aus der Entwicklung einer zwischen M√ľnsterh√ľgel und Petersberg/Leonhardsberg eingebetteten Talstadt des Birsigflusses zu verstehen. Der Birsig war als topographisches Element, als Kloake, als Energiespender f√ľr die ans√§ssigen Bewohner und Handwerker sowie als Wasserkraft w√§hrend Jahrhunderten ein zentrales st√§dtebauliches Element. Die strategische Bedeutung des von Rhein und Birsig begrenzten H√ľgels d√ľrfte den R√∂mern nicht entgangen sein, die hier die im Jahre 58 v. Chr. von Bibracte zur√ľckgebrachten Helvetier ansiedelten. Sie schlossen den zungenf√∂rmigen H√ľgel mit einem Wall ab.

Der st√§dtebauliche Niedergang der Innenstadt verl√§uft parallel zum Verschwinden des Birsigs im Stadtbild, zum Verschwinden von Birsigbr√ľcken und -stegen, zum Verschwinden von Hinter- und Vorderfassaden (Falknerstrasse), zum Begradigen von topographischem Gef√§lle, Einebnen und Schleifen von Unterschieden; zunehmende architektonische Uniformit√§t, nat√ľrlich auch bedingt durch zunehmende Uniformit√§t der Nutzungen, ist die logische Folge.

In den zwanziger Jahren dieses Jahrhunderts war es soweit, dass der Birsig vom Rhein bis zur Heuwaage zugedeckt und als st√§dtisches, architektonisches Element verschwunden war. Gleichzeitig wurden durch Gassen- und Strassenverbreiterungen Pl√§tze ge√∂ffnet (Barf√ľsser- Marktplatz, Fischmarkt), spezifische Formen beseitigt und durch nichts Gleichwertiges ersetzt. Die Talstadt wurde weitgehend zerst√∂rt.

Kommentar zu Bild 1:

Vgl. Bild 1

Der Ausschnitt aus dem Löffelplan zeigt die mittelalterliche Situation wie sie bis ins späte 19. Jahrhundert hinein Bestand hatte.

Auffallend sind die abwechslungsreiche r√§umliche Gliederung (eng ‚Äď weit) der Gassen sowie die geschlossenen, r√§umlich definierten Formen der Gassen und Pl√§tze (Barf√ľsserplatz, Blumenplatz beim Hotel Drei K√∂nige, Petersberg, Marktplatz). Die Falknerstrasse zeigt einen offenen Birsig mit Stegen und Br√ľcklein und Hinterfassaden. Der Birsig gleicht einem R√ľckgrat, das die Form der Stadt wesentlich gepr√§gt hat.

Dem Fluss seine Pr√§senz zur√ľckgeben

Vgl. Bild 2.

Dem Fluss die M√∂glichkeit geben, wieder zu Wort zu kommen. Ihm die Sprache zur√ľckgeben. Zu welchem Zweck? Auf dass die St√§dter seine begr√ľndende, strukturierende, formgebende Funktion wahrnehmen. Die ferne und die nahe, die ver¬≠gan¬≠gene und die gegenw√§rtige Geschichte bewusst machen, ohne welche die auf die kommende Zeit ausgerichtete Gegenwart √ľberhaupt nicht w√§re. Fehlt es an kultureller F√ľlle oder Dichte, ist kluge, zukunftsgerichtete Gegenwart illusorisch. Im Verlauf des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde der Fluss zu einer sch√§ndlichen, stinkenden, widerw√§rtigen Sache, zu einer gesundheitssch√§dlichen, verderben-bringenden Kloake, w√§hrend die Verkehrsmittel Fortschritt und Sauberkeit, Umsicht und sogar Sch√∂nheit bedeuteten. Der Fluss musste also verschwinden, um Automobil, Tram, Autobus usw. allgegenw√§rtig werden zu lassen. Heute, kurz vor Beginn des dritten Jahrtausends, ist die Situation umgekehrt: Der Stadtfluss taucht wieder auf, w√§hrend die Ehgr√§ben f√ľr L√§rm, Blech und Motoren, zu denen unsere Gassen und Strassen verkommen, in das keiner Beachtung w√ľrdige Dunkel des Untergrundes verlegt werden. Stets von neuem, zu jeder Zeit, heute, gestern oder morgen, wird das, was man liebt, vorgezeigt und geachtet, und was geachtet wird, bildet das Begriffsverm√∂gen und beeinflusst die Verhaltensweisen. Dass man sich der Existenz des Flusses im Untergrund der Stadt bewusst wird, k√∂nnte zur Erkenntnis der Bedeutung f√ľhren, die der Fluss f√ľr Gr√ľndung und Wachstum der Stadt hatte. Dieses Verst√§ndnis k√∂nnte seinerseits die St√§dter f√ľr urbane und architektonische Eigen-t√ľmlichkeiten empf√§nglich machen und sie dazu bewegen, die urbanen Besonderheiten und Subtilit√§ten wiederzufinden, die, wenn sie sich ausdr√ľcken, einen Nicht-Ort in einen Ort verwandeln.

Was jedoch ist zu tun, damit der Fluss sich von neuem ausdr√ľckt?

Zun√§chst k√∂nnte man ihn an mehreren Stellen wieder auftauchen lassen. Ihn dem Blick vorf√ľhren. Ihn den Ohren darbieten. An verschiedenen Punkten seinen ganzen Lauf entlang, um die Pr√§senz des die Stadt durchquerenden Flusses sp√ľrbar zu machen. Zwei unterschiedliche Weisen bieten sich an: Entweder legt man √Ėffnungen an, die es dem in die Tiefe gerichteten Blick erm√∂glichen, das Wasser dort unten, im Flussbett, zu sehen, oder man holt den Fluss an die Oberfl√§che und bringt ihn in physische N√§he. Das gezeigte Wasser muss nicht unbedingt das des Flusses sein, sondern verweist auf oder bedeutet das Flusswasser. Es ist nicht notwendig, den Flusslauf gegen die Oberfl√§che umzuleiten. Das Vorzeigen braucht nicht w√∂rtlich zu geschehen; es gen√ľgt, wenn es symbolisch erfolgt, zum Beispiel durch die Vermittlung eines Brunnens. Die Beziehung zwischen Brunnen und Fluss ist allerdings nicht nur topographischer Art, sondern auch direkt: Das Wasser des Brunnens f√§llt in das Flussbett und vermischt sich mit dem Flusswasser. Der St√§dter sieht und h√∂rt das Brunnenwasser nach unten st√ľrzen. Jeder eingerichtete Wasserpunkt verweist auf einen anderen Punkt und auf die √ľbrigen Orte, die in ihrer Gesamtheit den Lauf des Flusses nachzeichnen und kommentieren sowie die topographischen, architektonischen und urbanistischen Besonderheiten der Stadt hervortreten lassen. So dr√ľckt sich der Fluss durch die verschiedenen, von ihm selbst gew√ľnschten punktuellen Interventionen aus.

Der R√ľdenplatz: Brunnen und W√∂rter

Vgl. Bilder 3a, 3b.

Der Brunnen passt sich der Form der Verkehrsinsel an, die im Mittelpunkt des Platzes liegt. Er nimmt so viel Fl√§che wie m√∂glich ein, um seinen Willen zur Begr√ľndung eines Ortes zu verdeutlichen, der heute weder ein Platz noch eine Gasse ist. Der Brunnen liegt gleich hoch wie die Strasse. Der Grund des Beckens befindet sich auf demselben Niveau wie die Strassendecke, die er gewissermassen verl√§ngert. Der Brunnen ist also nicht auf einen Sockel gesetzt. Er ist nicht erh√∂ht, denn er will mit den Leuten sein, damit die Leute mit ihm und ‚Äď im Sommer ‚Äď in ihm sein k√∂nnen. Dennoch will sich der Brunnen als Brunnen behaupten. Nicht weil er sich selbst zur Geltung bringen m√∂chte, sondern um aus seinem Standplatz einen Ort zu machen. Deshalb ist das Material, aus dem er besteht, unallt√§glich. Es ist weder Kalkstein noch rosa Sandstein, wie beispielsweise das neugotische Geb√§ude der Hauptpost. Das Becken besteht aus poliertem weissem Kunststein. Seine Seiten sind 120 cm hoch. Der Rand ist nach innen abgeschr√§gt. Das Wasser des Beckens bedeckt ihn und fliesst √ľber die Kante hinweg, um in einer Rinne gesammelt zu werden, die sich um den ganzen Brunnen zieht. Die horizontale Wasserfl√§che ist also von jedem ‚Äď nahen oder fernen ‚Äď Punkt des Platzes aus zu sehen, beispielsweise von den Trottoirs aus, falls diese √ľberhaupt erhalten bleiben. Man sieht sie auch von der Strassenbahn aus, die dem Brunnen entlangf√§hrt: Die im Tram sitzenden Leute dominieren einen Augenblick lang die Wasserfl√§che. Da das Wasser gleichm√§ssig wie ein Film √ľber den Beckenrand fliesst, ist der Brunnen ein statischer und zugleich beweglicher, auf die Strasse ge¬≠setzter Wasserk√∂rper. Das gesamte Wasser, das sich in der das Becken umziehen¬≠den Rinne sammelt, wird gegen den Teil der Rinne gelenkt, der sich genau √ľber der Mittelachse des kanalisierten Birsiglaufes befindet, wo es durch eine Art Schlitz im Belag in den Fluss hinabst√ľrzt. Der Fall des Wassers ist zu h√∂ren. Es klingt ein bisschen so, als ob man am Ufer des Flusses w√§re. Das Ger√§usch des Wassers scheint den Fluss sichtbar zu machen. Des Abends wird das Wasser von Scheinwerfern erleuchtet, die im Grund des Beckens ange¬≠bracht sind. Abends ist der Brunnen mehr als ein Wasserk√∂rper, er ist zugleich ein Lichtk√∂rper. Das durch die leicht

gekräuselte Wasserober-fläche gebrochene Licht belebt die Fassaden des Ortes.

Die Neonbuchstaben der W√∂rter sind weiss. Ihr etwa 75 cm hoher K√∂rper ist auch tags√ľber zu sehen. Das Weiss des polierten Kunststeins entspricht dem Weiss des glatten Kunststoffes. Das gleiche gilt f√ľr Abend und Nacht: Das weisse Licht des Brunnens, die diskret von Lichtreflexen belebten Fassaden und das weisse Licht der auf den D√§chern der drei den Platz umstehenden Geb√§ude befestigten Neonbuchstaben bilden zusammen ein vertikales Volumen, einen im-materiellen Skulptur- oder Bauk√∂rper.

Die sichtbare stille Vertikalit√§t des Lichtes findet ihr Gegenst√ľck in der unsichtbaren, doch ger√§uschvollen Vertikalit√§t des Wassers, das in den Fluss st√ľrzt. Das h√∂rbare Unsichtbare verl√§ngert das Sichtbare, das Sichtbare verl√§ngert das Unsichtbare. Die vier Wortpaare in weissem Neon ‚Äď DER FLUSS/WOLKEN, W√ĄLDER/FELSEN, B√ĄUME/FELDER[1] und REGEN/SONNE/SCHLUCHT spielen auf die Natur an, beispielsweise auf den Ort, wo der Fluss entspringt, oder die Landschaft, die er durchfliesst, doch vielleicht berichten diese W√∂rter auch von dem, was der R√ľdenplatz einst gewesen war, bevor die Kelten diesen Ort entdeckten und sich in seiner N√§he niederliessen.

Herzog & de Meuron, 2003

1B√ĄUME/FELDER Wettbewerb 1995, ge√§ndert in B√ĄUME/GRAS 8/2000

136_CI_9501_502
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136_CI_9501_503
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136_CI_950101_Tafel3c
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Team

Facts

In Collaboration With
Rémy Zaugg, Basel, Switzerland
Client
Baumeisterverband, Basel, Switzerland

Bibliography

Judit Solt: ‚ÄúWand und Wort. Leuchtschriften bestimmen seit hundert Jahren das Bild der Stadt.‚ÄĚ In: Verlags-AG der akademischen technischen Vereine (Ed.). ‚ÄúTec 21.‚ÄĚ Vol. No. 7, Zurich, Verlags-AG der akademischen technischen Vereine, 2002. pp. 7-11.

Hubertus Adam: ‚ÄúUmgestaltung des R√ľdenplatzes. Basel.‚ÄĚ In: Peter Rumpf (Ed.). Bauwelt. Vol. No. 11, G√ľtersloh, Bertelsmann Fachzeitschriften GmbH, 16.03.2001. p. 5.