WAS DIE STÄDTE UNTERSCHEIDET

Was die Städte Unterscheidet
Eigentlich war alles gesagt: die Geschichte ist zu Ende. Die Realität eine Illusion, eine Fiktion, eine Simulation. Städte werden austauschbar und zum undifferenzierbaren, blinden Hintergrund der einzigen verbliebenen urbanen Aktivität, dem Shopping. Wir haben geglaubt, die Städte würden durch Virtualisierung ihres Körpers und durch Simulation ihrer Seele beraubt und dann vollständig eingesogen wie in einer Art Bodysnatching. Ende der Geschichte. Ewiges Leben. Doch das Bodysnatching geschah nur in den Köpfen einer Generation von Denkern und Urbanisten. Aber was ist geschehen? Die Natur ist wieder aufgetaucht. Aus dem Nichts? Der Terrorismus ist wieder erwacht. Unauslöschbar und unkontrollierbar geht die Geschichte weiter. Plötzlich ist die Realität wieder real geworden. Und endlich.

Der Terrorismus ist keine Illusion und zunächst auch keine Simulation. Er trifft Städte und Städter ganz real und schockartig. Das real Verletzte wird geflickt, aber der Schock bewegt sich weiter und weitet sich aus. Das, was den Schock ausgelöst hat, z.B. der Terrorismus, wird quasi radikal homöopathisch, d.h. mit den gleichen Mitteln bekämpft. Der Terrorismus ist plötzlich überall, real und mental, auf der Strasse und in den Köpfen. Die verletzliche Schönheit der amerikanischen Grossstadt erscheint strahlender und verführerischer als je zuvor, nun aber plötzlich mit diesem spezifischen Hauch des Musealen, Überlebten. Die amerikanische Grossstadt, ein Stadtmodell aus vergangener Zeit.

Am Sonntag, 27. September 2003 kollabiert das Stromnetz in weiten Teilen Italiens. Rom erlebt eine Notte nera. Aus dem Nichts, schlimmer noch, weil in einer Nacht, die zur hell erleuchteten Notte bianca werden sollte, zur Museumsnacht, wo die Tore und die Lichter der Museen auch nachts hell und offen bleiben sollten. Nun haben die Städter die sublime Rohheit der Natur wieder entdeckt, welche sich so abrupt als bedrohliche Kraft zurückgemeldet hat, auch wenn die Menschen sie zu kontrollieren glaubten.

Diese bedrohlich auftauchenden Kräfte toben sich nicht auf irgendeiner menschenleeren, landschaftlich entrückten Insel im Ozean aus, sondern steuern die Stadt als Plattform und Bühne an und versetzen sie in fundamentale Schieflage. Die Stadt wird schmerzhaft auf ihre Geschichtlichkeit zurückgeworfen und an ihre Angreifbarkeit erinnert. Seit ihren Anfängen sah sie sich mit spezifischen, existentiellen Bedrohungen konfrontiert: Belagerungen, Feuersbrünste, Hungersnöte, Plünderungen, Pest, Erdbeben, Überfällle, Überschwemmungen, Banden, Arbeitslosigkeit, Stromausfälle, Mafia.

Jede Stadt entwickelt und formt sich gemäss ihrem eigenen spezifischen Bedrohungsszenario, das sich über die Geschichte herausbildet und sie in ein unverkennbares und unentrinnbares Muster presst. Es gelingt keiner Stadt, keiner einzigen Stadt, sich von den realen, simulierten und kultivierten Fesseln ihrer lokalen Gebundenheit zu befreien, um sich neu zu erfinden. Nicht einmal nach einer wirklichen und radikalen Katastrophe. Im Gegenteil: Am Beispiel des Wiederaufbaus der deutschen Städte nach dem Krieg kann man beobachten, welch unterschiedliche (Wunsch-) Bilder sich die verschiedenen Städte von sich selbst machten und welch unterschiedliche Wiederaufbauszenarien dabei herausschauten. Eine Unterschiedlichkeit, ausgeprägter als in allen vorangehenden Jahrhunderten, bevor die Bomben die Städte in alles gleichmachende Trümmer legten. Eine Unterschiedlichkeit auch, welche sich bis zum heutigen Tag noch verstärkt hat und auch neu entstehende Teile der Städte mittels Simulation überformt.

Frankfurt und München im Vergleich: einerseits Frankfurt eine Stadt der Bürger, der Citoyens, die in selbstbewusster Eigeninitiative ihre Stadt seit jeher vorwärtspushten und als Plattform für Handel, Gewerbe und städtische Dienstleistungen benutzten – andererseits München, mit höfischer Tradition, mit einem Königshaus, das die Stadt im 18. und 19. Jahrhundert nach italienischen Vorbildern neu erfand, quasi ein Stück Italien in Deutschland aufbauen liess. Frankfurt entschied sich nach dem Krieg für eine Tabula rasa und eine vertikale Stadtsilhouette, während München seiner damals vom Königshof importierten Bilderwelt verhaftet blieb und auf Rekonstruktion und historische Simulation setzte. Frankfurt (Tabula rasa) vs. München (Rekonstruktion, historische Simulation): Ausdruck einer kulturellen und kultivierten Differenz. Fast scheint es, als habe die Bombardierung die spezifische Gestalt der Stadt erst hervorgebracht, die zuvor unerkannt im Verborgenen dahinschlummerte. Was liesse sich über Rotterdam sagen, oder über Beirut, über Jerusalems neue Quartiere im Vergleich etwa zu jenen in Tel Aviv! Jede Stadt kultiviert und verinnerlicht die Abwehrmechanismen gegen die realen und die eingebildeten Bedrohungen, welche sich in der Geschichte abgelagert haben. Baudrillard drückt das so aus: Wo eine wirkliche Katastrophe fehlt, wird man durch Simulation eine Katastrophe auslösen, die es mit jener durchaus aufnehmen kann, und sie sogar noch übertrifft.

Massenevakuierungen, Gasalarmübungen, Grenzwälle, Terror – Anti-Terror, Mafia – Anti-Mafia. Atomsichere Luftschutzanlagen, die sich wie eine unsichtbare Replik der oberirdischen Stadt beinahe flächendeckend im helvetischen Untergrund ausbreiten, sind eine sehr schweizerische Form von Urbanität. Sie konnte nur in einem Land entstehen, dessen Rückzugsmentalität und Sicherheitsdenken eine beinahe hysterische Realität angenommen hat.

All diesen Abwehrdispositiven und Szenarien gemeinsam ist, dass sie sehr wohl eine spezifische Veränderung der Stadt bewirken. Die gebaute Realität der Stadt verändert sich durch diese präventiven oder reparierenden Eingriffe ganz konkret und nachhaltig. Es bildet sich eine Art spezifisches Substrat. Dieses Substrat ist nicht sofort erkennbar oder gar sichtbar, weil es ja eben nicht bloss ein folkloristisches Detail ist oder ein dekoratives Anhängsel, sondern eine tiefgründige, die künstliche und natürliche Topografie der Stadt formende und programmierende Geschichte. Städte werden deshalb einander nicht immer ähnlicher, allgemeiner oder gar eigenschaftslos, sondern im Gegenteil immer unterschiedlicher. Sie driften in sich selbst hinein und tauchen ab in ihre eigene Welt. Sie werden spezifisch, wie eine eigene Spezies, mit der ganzen Faszination, welche das mit sich bringt, und zugleich mit der Unerträglichkeit einer solchen unausweichlichen Selbstbezogenheit und Idiosynkrasie. Dieses Spezifische trifft und durchdringt jede Stadt. Es beschreibt ihre Hässlichkeit und ihre Schönheit, ihre Kultur, Subkultur und ihren Mangel an Kultur, ihre Aufstiege und ihre Untergänge, ihre realen Katastrophen und Bedrohungen sowie deren Simulation und Substitution. Unausweichlichkeit und Endlichkeit der Stadt.

Die Endliche Stadt? Die Reale Stadt? Die Spezifische Stadt?

„Die Endliche Stadt“ tönt zu tautologisch und irreführend, weil sie den Aposteln einer herannahenden Kultur der Unsterblichkeit das Wort redet. „Die Reale Stadt“ ist missverständlich, weil wir ja nur auf die physische Realität der Stadt zielen und keineswegs die Pandorabüchse des Realitätsdiskurses öffnen wollen. Auch nicht „Spezifische Stadt“, es sei denn das Spezifische ziele auf diese mentalen Morphologien und Transformationen, welche die Stadt, wie wir gesehen haben, immer stärker in sich selbst hinein verwickelt. Also eher: Idiomorphe Stadt oder Idiosynkratische Stadt? Oder gar Idiotische Stadt, weil wir nicht fähig sind, das komplexeste und interessanteste je von Menschenhand geschaffene Ding, die Stadt, zu fassen? Die Ideale Stadt hat ja längst abgedankt, ebenso die Rationale Stadt von Aldo Rossi oder die „Generic City“ von Rem Koolhaas oder der Strip von Venturi. Ganz zu schweigen von Le Corbusiers Ville Radieuse. Urn Missverständnissen vorzubeugen: Jeder einzelne all dieser Versuche, die Stadt zu beschreiben, begrifflich zu fassen und neu zu erfinden, war notwendig und verdienstvoll. Aber das lässt uns heute kalt. Es geht uns nichts mehr an, es ist nur noch der Schnee von gestern. Denn es betrifft eine Welt, die nicht mehr die unsere ist. Es ist vorbei mit all diesen Manifesten, Theorien und Benennungen, welche die Stadt nicht treffen, dafür aber als Brand den Autoren ein Leben lang eingebrannt haften bleiben. Es gibt überhaupt keine Stadttheorien, sondern nur Städte.

Allen Städten gleich ist nur der Untergang, das Verschwinden von der Bildfläche. Paradoxerweise liegt genau in dieser einzigen wirklichen Gemeinsamkeit der Städte, nämlich in ihrer ganz spezifischen Bedrohung, dasjenige Potenzial, welches auch ihre fundamentale Unterschiedlichkeit bestimmt. Diese Unterschiedlichkeit wird längst nicht mehr vom Stadtplaner herbeigeführt und aktiv gestaltet. Will sich der Stadtplaner in der Gegenwart an der Transformation der Stadt beteiligen, sollte er sich zum Komplizen und vertrauten Kenner dieses Bedrohungspotenzials machen. Oder noch verschärfter ausgedrückt: Er sollte sich die Unbeirrbarkeit und Treffsicherheit des Terroristen aneignen. Seine Arbeit müsste dann unvoreingenommen sein, tabulos, theorielos und, wie wir gesehen haben, abgründig. Sie wird sich an der physischen und gebauten Realität der Stadt orientieren müssen, dort, wo sich das Leben der Stadt ebenso untrüglich abgebildet hat wie die Klimaschwankungen in den Bohrkernen des Polareisforschers. Nur dort – im physischen Körper der Stadt – sind auch jene neuralgischen Orte verborgen, die Barthes mit Blick auf das fotografische Bild „Punctum“ und Baudrillard mit Blick auf die Twin Towers „lohnenswerte Ziele“ nennt.

Seitdem diese Türme mit der Präzision eines chirurgischen Eingriffs getroffen wurden, manifestiert sich die plumpe Ohnmacht des heutigen Städtebaus schlagartig. Die städtebaulichen Projekte vermögen die Städte kaum je zu treffen und zu verändern, sondern sie dienen dem Erhalt des Status quo. Sie vermehren bloss das, was schon da ist. Der heutige Städtebau setzt nicht am Barthes’schen Punctum an und nicht am lohnenswerten Ziel, sondern dort, wo zufälligerweise ein Grundstück frei wird. Und dennoch gibt es die Twin Towers in jeder Stadt. Gerade deshalb trifft deren Zerstörung Städter überall. Aus Sicht des Terroristen sind Symbole zerstört worden. Aus Sicht des Städters ist seine unmittelbare Nachbarschaft, sein Zuhause fundamental angegriffen. Das Spezifische, das Einmalige, das, was uns unterscheidet vom anderen, das
Unzerstörbare wird angreifbar, und wir müssen uns davor schützen. Immer wieder, aber wie? Der beste Schutz wäre das „Ununterscheidbare“ anzustreben, die „Ununterscheidbare Stadt“. Und genau das ist eine Illusion.
Jacques Herzog, Pierre de Meuron, 2003.
Einleitender Text zur Studienreihe über die Städte Neapel – Paris – Kanarische Inseln – Nairobi am ETH Studio Basel – Institut Stadt der Gegenwart.

Herzog & de Meuron: Was die Städte unterscheidet.
In: Gerhard Mack (Ed.). Herzog & de Meuron 1997-2001. Das Gesamtwerk. Band 4. Basel / Boston / Berlin, Birkhäuser, 2008. Vol. No. 4. pp. 241-244.
First published in: Jacques Herzog: Terror sin Teoría. Ante la 'Ciudad indiferente'.
In: Luis Fernández-Galiano (Ed.). Arquitectura Viva. Herzog & de Meuron, del Natural. Vol. No. 91, Madrid, Arquitectura Viva, 07.2003. p. 128.

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