477 BASEL NORDSPITZE

477
Basel Nordspitze
Basel, Switzerland
Competition 2017, Project 2017-

Ausgangslage

Die Transformation des ehemaligen Zollfreilagers Dreispitz in ein gemischt genutztes Stadtquartier ist eine der grössten städtebaulichen Entwicklungen Basels seit Beginn des 21. Jahrhunderts. Die Christoph Merian Stiftung als Grundeigentümerin fördert diesen Wandel zusammen mit dem Kanton Basel-Stadt und der Genossenschaft Migros Basel, die schon seit den 30er Jahren an diesem Standort tätig ist. Die Nordspitze stellt den nördlichen Abschluss des Dreispitz und damit der Agglomeration des Birstals dar und grenzt unmittelbar an die Basler Innenstadt. Gleichzeitig ist es die östliche Fortsetzung des Gründerzeitquartiers Gundeldingen mit seiner vielfältigen, durch ein orthogonales Strassenraster geprägten Identität.

 

 

Projektidee

Der städtebauliche Vorschlag für die Nordspitze basiert auf dem scheinbaren Widerspruch, einen dichten Stadtteil und gleichzeitig grosse, öffentliche Grünräume zu schaffen. Diese zwei Gegensätze ergänzen und bedingen sich gegenseitig und resultieren in einem Entwurf eines sehr dichten und urbanen Stadtquartiers mit vielfältigen Freiräumen für die Nachbarschaft und die Stadt.

 

Die hohe Dichte wird durch drei Hochhäuser und einen offenen Blockrand aus einzelnen hohen Stadthäusern erzielt, die in knappen Abständen zueinander stehen und – im Gegensatz zu den Gundeldinger Blockrändern – einen öffentlich zugänglichen Raum umfassen. Die drei Hochhäuser erscheinen aufgrund ihrer runden Grundform als eine Familie, ihre orthogonale innere Struktur macht sie gleichzeitig zu Verwandten der Stadthäuser. Sie prägen als Gebäudegruppe die Stadtsilhouette an einer topographisch signifikanten Stelle, an der das Birstal ins Rheintal mündet. Aufgrund der territorialen Begrenzung entlang dem Gleisfeld verdichtet sich die Stadt hier schon seit längerer Zeit.

 

Dieser hohen Dichte an Gebautem stehen zwei neue Grünräume gegenüber: der eine am Ende der Güterstrasse – fast ein typischer Stadtgarten – der andere erhöht auf dem Dach der Migros, als eine neuartige Grüntypologie in Basel mit thematischem Bezug zu Natur und Gesundheit. Die Nordspitze ist ein offenes Quartier mit gleichem Anteil an bebauter Fläche und Grünräumen. Rechnet man das Feld auf dem Dach zur Gesamtfläche dazu, sind 70 Prozent der Fläche öffentlich zugängliche Freiräume. Die vielfältige Bandbreite von Bau- und Grüntypologien lassen viele Arten von Nutzungen und Aktivitäten zu: von Wohn- und Büroräumen, Kommerz- und Bildungsflächen bis hin zu Sport- und Freizeitnutzungen und öffentlichen Einrichtungen.

 

Der Transformationsprozess der Nordspitze ist einfach und flexibel zu etappieren und bietet kleineren und grösseren Investoren die Gelegenheit sich im Dreispitz zu engagieren. Die Idee, dass sich wertschöpfungsstarke und sozial orientierte Nutzungen gegenseitig bereichern können, begleitet den Entwicklungsprozess massgeblich. Während des gesamten Wandlungsprozesses hält die Migros als Pionierin und Motor der Nordspitze durchgehend ihren Betrieb aufrecht und prägt die Gestalt und den Charakter des neuen Stadtquartiers entscheidend mit.

 

 

Die Grünräume

Der historische Wolfgottesacker, ein Ort der Ruhe, bis anhin abgekoppelt von der Stadt und versteckt zwischen Schienen und Strasse, wird mit dem städtebaulichen Vorschlag in das neue Stadtquartier eingebunden und ergänzt die neuen Grünräume.

 

Die Christoph Merian Anlage, ein fast schon traditioneller Stadtgarten, ist gesäumt von Stadthäusern und Hochhäusern mit Wohnungen, Büros, gemeinschaftlichen Funktionen, Läden, Restaurants und dergleichen. Mit einer grossen Wiese und Bäumen ist die Anlage vielseitig nutzbar und steht den Bewohnern des Gundeldingerquartiers und des Dreispitz‘ offen. Die Gartenanlage ergänzt das für eine solche Bevölkerungsdichte bisher eher spärliche Angebot an «ganz normalen» Freiräumen in der Nachbarschaft.

 

Erhöht auf dem Dach der Migros entsteht das Gottlieb Duttweiler Feld: Ein neuer, einzigartiger Ort für Basel, umgeben von den Dächern der Stadt und flankiert vom Bruderholz. Den Quartier- und Stadtbewohnern eröffnet sich ein zweiter Freiraum – grösser als ein Fussballplatz – der an mehreren Stellen grosszügig mit den umgebenden Strassen und Plätzen verbunden ist.

 

Die Regierung von Basel-Stadt hat nicht nur die bauliche Verdichtung und die Schaffung von mehr Wohn- und Arbeitsraum, sondern explizit auch die Vermehrung von Grünflächen in der Stadt zu einem vordringlichen Anliegen erklärt: attraktive Grünflächen für den Aufenthalt der AnwohnerInnen, aber auch zur Verbesserung der Luftqualität, zum Sammeln von Regenwasser und zur Förderung der Pflanzenvielfalt im Zentrum einer wachsenden Stadt. Dazu gehören auch Pflanzen für die Lebensmittelproduktion. Das «Feld» auf dem Dach kann für lokale Lebensmittelproduktion genutzt werden. Gesunde Ernährung, frische Ware und kurze Wege zwischen Produktion und Konsumenten sind zunehmend Anliegen der städtischen Bevölkerung. Kleine Gebäude, welche das Feld flankieren und den ländlichen Charakter unterstreichen, bieten Platz für Events der Migros oder sonstige Aktivitäten im Zusammenhang mit Gesundheit im Allgemeinen und Natur, insbesondere Sport und Bildung. Diese zwei grossen Parkanlagen setzen den Gedanken der sozialen Verantwortung von Christoph Merian und Gottlieb Duttweiler in unsere Zeit fort.

 

 

Die Migros und die Stadt

Auf der südlichen Hälfte der Nordspitze eröffnete die Migros bereits 1930 einen Laden, der sich zu einem der wichtigsten und einträglichsten Verkaufspunkte der Region etabliert hat. Dieser Migros-Standort soll sich nun vom Vorort-Einkaufszentrum zum zentralstädtischen Anker inmitten des Quartiers wandeln. Die Migros konsolidiert sich neu in einem einzigen Bau, in dem auch der OBI und ein oberirdisches Parkhaus integriert sind. Bisher nach innen orientierte Geschäfte, Cafés und Restaurants reihen sich neu entlang der verlängerten Güterstrasse in einer städtischen Arkade auf. Die Migros und die Mall öffnen sich zur Stadt und zur Christoph Merian Anlage und werden das neue Stadtquartier prägen und beleben.

Eine Zufahrtsrampe bringt Kunden von der Münchensteinerstrasse aus direkt in das neue, oberirdische Migros-Parkhaus. Dieses ist unmittelbar mit der Mall, der Migros, dem OBI, dem Gartencenter und dem Gottlieb Duttweiler Feld verbunden. Über der Rampe schwebt ein einziger, runder Raum. Seiner Lage zwischen zwei Hochhäusern und seiner ikonischen Form wegen ist er wesentlich für die Identität dieses neuen Ortes in der Stadt. Er könnte von der Migros selbst für öffentliche Veranstaltungen bespielt werden, zum Beispiel für Konzerte, Lesungen und Ausstellungen. Genauso könnte der Raum aber Vereinen oder einem Unternehmen aus der Kreativ- oder Unterhaltungsindustrie zur Miete angeboten werden. Es wird das erste Gebäude an der Münchensteinerstrasse sein.

 

Da Kundenbedürfnisse und Mobilitätsverhalten sich in einem starken Wandel befinden, könnte sich die Anzahl der heute notwendigen 500 Kundenparkplätze in Zukunft möglicherweise verringern. Dann ist das oberirdische Parkhaus – im Vergleich zu einer teuren Tiefgarage – einfach zu transformieren.

 

Mit neuartigen Wohnformen in den Stadthäusern oberhalb der Arkade hält städtische Verdichtung Einzug. So entsteht ein ganzheitliches, vielfältiges Nutzungsangebot für verschiedene Gesellschaftsschichten, von der Migros selbst oder auch von Dritten entwickelt und initiiert. Es entsteht ein eigentliches Migros-Quartier.

 

 

Anknüpfung an die Nachbarschaft

Im städtebaulichen Entwurf wird dem Weiterführen von Strassen und der Ausbildung von Kreuzungen und Plätzen auf der Fussgängerebene präzise Beachtung geschenkt. Charakteristika und Massstäblichkeiten aus dem Gundeldingerquartier werden übernommen. Die belebte und kleinteilig strukturierte Güterstrasse setzt sich fort, findet mit einem Hochhaus ihren Abschluss und mündet dahinter in der kurzen Allee zum Wolfgottesacker.

 

Orte, an denen der neue Stadtteil an seine Nachbarschaft anknüpft sind von besonderer Bedeutung und stehen in einer Reihe mit den vielen Plätzen in Gundeldingen. Spezielle Bauten an diesen neuen Plätzen reagieren architektonisch präzise auf die Umgebung und aktivieren den öffentlichen Raum: beispielsweise der Quartiertreff am Güterplatz und der neue Eingang zur Mall am Dornacherplatz, aber auch der offene Sockel des grössten Hochhauses und der Torbau über dem Gleisbogen auf dem Platzspitz vis-à-vis des Bernoulli-Tramdepots.

 

 

Typologien der einzelnen Häuser

Für die Häuser werden neue, zeitgenössische Typologien gesucht. Sie orientieren sich im Massstab und Charakter eher am Dreispitz als an den Gründerzeithäusern des Gundeldingerquartiers. Einzelne Häuser mit relativ kleinen Abständen fassen exakt die Strassenkante und rahmen gleichzeitig die Christoph Merian Anlage, Sie bilden einen offenen Blockrand mit einer allseits zugänglichen öffentlichen Parkanlage in der Mitte – dies im Gegensatz zu den benachbarten geschlossenen Gundeldinger Blockrändern mit ihren privaten Innenhöfen

 

Dabei gibt es im Wesentlichen zwei Haustypen voneinander zu unterscheiden: Zum einen die bis zu 30 Meter hohen Stadthäuser, die zum grossen Teil Wohnhäuser mit genossenschaftlichem Charakter sind. Entlang der Christoph Merian Anlage stehen diese Stadthäuser auf einer Arkade, die mit dem Park kommuniziert und attraktive Verkaufsflächen schafft, während sie an der Münchensteinerstrasse auf dem Boden stehen. Zum anderen sind es drei Hochhäuser, die als Gruppe der Nordspitze und dem ganzen Dreispitz eine unverwechselbare Identität geben und die Silhouette der Stadt Basel mitprägen werden. Sie stehen auf Stützen, ihre Erdgeschosse kommunizieren mit dem Stadtraum um sie herum. Ihre Nutzungen sind gemischt, um jedes einzelne Haus zu beleben: Verschiedene Wohnformen, Dienstleistungs- und Büronutzungen, gemeinschaftliche und öffentliche Einrichtungen können in den Türmen untergebracht werden. Diese Nutzungsstapelung soll architektonisch Ausdruck finden und den drei Häusern auch von Nahem eine spezifische Identität verleihen.

 

Die Grösse und Höhe der Gebäude und ihre Nutzung können zum jeweiligen Planungszeitpunkt und je nach Investitionseinheit definitiv bestimmt werden. Die Lage der drei Hochhäuser und ihre stadträumliche Beziehung sind jedoch fixiert. Sie wirken als Anker und Orientierungspunkte und bilden Torsituationen zum neuen Stadtquartier. Strenge architektonische Regeln sollen Stadt- sowie Hochhäuser mit dem Ziel der Einheit in der Vielfalt zusammenbinden und in ein Verhältnis zueinander bringen, ohne Monotonie zu kreieren.

Herzog & de Meuron, 2017

FACTS

Herzog & de Meuron Project Team:

Partners: Jacques Herzog, Pierre de Meuron, Christine Binswanger (Partner in Charge)

Project Team: Thomas de Vries (Associate, Project Director), Julian Oggier, Marija Blagojevic

Daniel Grenz, Tom Grillo, Eytan Levi, Ludwig Müller, Christian Szalay, Michal Baurycza (Visualisations), Mikolaj Bazazek (Visualisations), Günther Schwob (Workshop)

 

Client:

Genossenschaft Migros Basel; Christoph Merian Stiftung, Basel

 

Consulting:

Landscape Design: MDP – Michel Desvigne Paysagiste, Paris, France

Structural Engineering: ZPF Ingenieure AG, Basel, Switzerland

Sustainability Consultant: Basler & Hofmann West AG, Basel, Switzerland

Traffic Consultant: Rapp Trans AG, Basel, Switzerland

Building economy: Odinga Picenoni Hagen AG, Zürich, Switzerland

Visualisations: Tomorrow AB, Gothenburg, Sweden; Aron Lorinz Ateliers, Budapest, Hungary

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