474 KONZERTHAUS MÜNCHEN

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Konzerthaus München
Munich, Germany
Competition 2016-2017

Wie? Ein Konzerthaus an diesem Unort?

Der für das Konzerthaus vorgesehene Standort hinter dem Ostbahnhof ist heute ein Unort: Wie viele ehemalige Gewerbegebiete in anderen Städten auch, ist er von der Stadt abgekoppelt. Der gültige Masterplan mit dem vorgesehenen Baugrund für das Konzerthaus wird dies nicht ändern können. Ist das also der falsche Ort, eine verpasste Chance? Ganz im Gegenteil: Jetzt bietet sich die einmalige Gelegenheit, dem modernen München ein Quartier des 21. Jahrhunderts anzufügen. Der gültige Masterplan muss nicht geändert, aber so ergänzt werden, dass innerhalb von 10-20 Jahren aus den zufällig wirkenden Architekturen und Freiräumen ein urbaner Ort entstehen kann. Ein Stück München mit vergleichbar qualitätvollen Stadträumen, wie sie im Zentrum der Stadt im 19. Jahrhundert  innerhalb weniger Jahrzehnte nach italienischen Vorbildern geschaffen wurden.

 

Dafür braucht es keinen Wittelsbacher, aber einen demokratischen Willen, die Umgestaltung des Werkviertels mit grosszügigem Blick auf die ganze Stadt München weiterzutreiben. Drei städtebauliche Eingriffe führen dahin:

 

Der Boulevard der Musik

Wie eine Brücke spannt sich ein breiter Boulevard über das Gleisfeld und verbindet das neue Quartier der Musik mit dem Ostbahnhof und dem Zentrum der Stadt. Dieser Boulevard mündet in einen zentralen Grünpark, in dessen Mitte das neue Konzerthaus schon von weit her sichtbar ist. Es ist auf diesen Boulevard und den grossen zentralen Grünpark ausgerichtet. Das neue Gebäude soll sein Gesicht zeigen, sich zur Stadt hinwenden und sich nicht hinter einem hässlichen Bestandsbau (Werk 10 an der Friedensstrasse) und einem bisher noch nicht bebauten Baufeld (Werk 17) verstecken.

 

Die vertikale Dreiheit

Das Musikgebäude soll nicht alleine dastehen, es braucht eine städtebauliche Nachbarschaft: Nachbargebäude, die durch ihre physische Präsenz und Programmierung diesen neuen Ort in der Stadt mitbegründen und unterstützen helfen, also eine Gruppe von aufeinander abgestimmten Hochbauten, mit dem Musikgebäude als Zentrumsstück. Zum Beispiel eine dreiteilige Hochhausgruppe von etwa 80m Höhe, die das neue Quartier der Musik im Weichbild der Stadt erkennbar macht: Dem in der Planung befindlichen Turm (Werk 4) soll ein in Form und Höhe identischer Zwillingsturm für Büros, Hotel, Wohnungen und kulturelle Nutzungen gegenübergestellt werden, der genügend Bruttogeschossfläche aufweist, um den Wegfall der Parzellen Werk 10 und Werk 17 zu kompensieren. Dadurch entsteht ein ausdrucksstarkes Paar, ohne formalen Firlefanz: eine einfache städtebauliche Geste. Die Geste eines Zwillingspaars gibt deshalb Sinn, weil die Zwillinge einen Raum definieren, der vom Konzerthaus genutzt und ausgefüllt werden soll. Zusammen entsteht eine Gruppe von drei etwa gleich hohen Architekturen von grosser Zeichenhaftigkeit. Eine architektonische Dreiheit für das München des 21. Jahrhunderts.

 

Das Konzerthaus als Zentrumsstück

Das Münchner Konzerthaus muss sich im Osten der Stadt also zunächst seinen Ort schaffen. Von weitem soll sichtbar sein: Hier ist ein neuer Ort für alle, ein neues Zentrum – keine ungeliebte Peripherie hinter einem Bahnhof. Ein Ort mit einem breiten Boulevard und einem zentralen Park, mit Restaurants, Hotels, Wohnungen, Büros, Ausstellungsräumen, Veranstaltungs- und Eventplattformen, mit verschiedenen Musiksälen und Venues für alle Gesellschaftsschichten, mit Musikhochschule und mit Bars. Alle kulturellen Nutzungen sind verteilt und für alle zugänglich – im Gebäude, auf dem Gebäude und unter dem Gebäude des neuen Konzerthauses.  Eine soziale Plastik als Ausdruck einer offenen, demokratischen Gesellschaft wie das  Centre Pompidou und zugleich ein klassisches Konzerthaus wie die Opéra Garnier des 19. Jahrhunderts, oder eine der grossartigen, in den letzten Jahrzehnten gebauten Philharmonien.

Die äussere Form des Münchner Konzerthauses wirkt beinahe klassisch: wie ein grosses Zeltdach, weil es so viele Nutzungen beherbergt; wie eine Pyramide wegen seiner beinahe reinen Form; aber auch wie ein geschliffener Kristall mit Einschlüssen – wegen seiner teilweisen Transparenz. Man erkennt den grossen Saal, den kleinen Saal, die Foyers und Terrassen. Es sind Räume mit ganz unterschiedlichen Formen, Massstäben und Atmosphären: gross und klein, hoch und niedrig, intim und offen. Eine Vielfalt, welche die Bandbreite der Benutzergruppen wiederspiegeln soll.

Das Gebäude ist an vielen Orten transparent oder transluzent, an anderen opak. Dadurch werden die Aktivitäten und Funktionen, die Tragstrukturen und Wege wie auf einem Röntgenbild abgebildet. Es ist eine reine Form: Raum, Struktur, Ornament und Oberfläche bedingen sich gegenseitig.

 

Der Saal als Feuerstätte

Die Form ist vertraut, keine individualistische, architektonische Spielerei und dennoch eine eindeutige, ikonische Gestalt. Genauso wie der grosse Saal zugleich archaisch und radikal modern ist: Die Musik strahlt aus dem Zentrum, wie der helle Schein einer Feuerstelle, um den sich die Menschen gruppieren, gleichwertig in einem Kreis verteilt und auf die Musik fokussiert. Eine Kreisform also, aber so "unperfekt und asymmetrisch" wie es eine ideale Akustik erfordert und gleichzeitig so rein und klar, wie es die Gebäudeform von aussen verheisst.

Herzog & de Meuron, 2017