402 ERWEITERUNG STADTCASINOS BASEL

402
Erweiterung des Stadtcasinos Basel
Basel, Switzerland
Project 2012 – planned completion 2019

Die Entstehung der Kulturmeile im 19. Jahrhundert und deren städtebauliche Zerstörung im 20. Jahrhundert
Am südlichen Rande der Basler Innenstadt entstand mit der Schleifung der inneren Stadtbefestigung und dem Abbruch der angrenzenden Areale des Barfüsser- und St. Magdalenenklosters im Verlaufe des 19. Jahrhunderts entlang des neu angelegten Steinenbergs eine eigentliche Kulturmeile, die stark von den städtebaulichen und architektonischen Visionen der damaligen Zeit geprägt war.

Der Errichtung des Casinos (1826) und des Blömleintheaters (1831) nach Plänen von Melchior Berri folgten in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zwischen Barfüsserplatz und St. Alban-Graben weitere Grossbauten in neubarockem Stil von Johann Jakob Stehlin: Die Kunsthalle (1872), das Stadttheater (1875), der Musiksaal (1876), das Steinenschulhaus (1877) und schliesslich die Skulpturenhalle (1887).

Das alte Casino wich 1938 dem heutigen Bau der Architekten Kehlstadt & Brodtbeck, und 1969 entstand mit dem Abbruch des alten Stadttheaters eine Lücke als Vorplatz des neu errichteten Stadttheaters, womit die städtebauliche Einheit der ehemaligen Kulturmeile endgültig auseinanderfiel. Von den ursprünglichen Gebäuden sind nur noch die Kunst- und Skulpturenhalle sowie der Musiksaal erhalten.

Ein Neubauprojekt von 2007 scheiterte bei einer Volksabstimmung
2007 wurde in einer Volksabstimmung ein Neubauprojekt, welches den Casinosaal von 1938 ersetzen sollte, abgelehnt. Das abgelehnte Projekt von Zaha Hadid war als Siegerprojekt aus einem Architektur Wettbewerb hervorgegangen und fand beim Volk aber – vor allem wegen seiner mächtigen Kubatur – keine Akzeptanz. Ein paar Jahre später – 2012 – wurden wir mit einer städtebaulichen Studie beauftragt für eine Neuordnung des knappen und spiessigen Raumangebots, welches dem historischen Musiksaal vom 1876 infrastrukturell zudienen soll (Foyer, Bau, Garderobenplatz). Diese Anstrengungen sollten sich in einem ersten Schritt auf den eigentlichen Musiksaal konzentrieren, der heute zu den ältesten und bedeutendsten Musiksälen Europas zählt. Er ist Stammhaus des Sinfonieorchesters Basel, und auch das renommierte Kammerorchester Basel und die Basel Sinfonietta veranstalten dort ihre Sinfoniekonzerte. Der Saal mit seinen 1500 Plätzen wird für seine hervorragende Akustik international gerühmt. Beim Bau mussten 1876 jedoch aus Kostengründen erhebliche Abstriche bei den Servicebereichen in Kauf genommen werden, was 1938 teilweise durch den Saal umschliessende Anbauten behoben werden konnten. Diese verknorzten Anbauten mit ihrer spiessigen Atmosphäre vermögen aber die sich in den letzten 75 Jahre stark veränderten Anforderungen an ein zeitgemässes Konzerthaus bei weitem nicht mehr zu erfüllen. Neben der dringend erforderlichen baulichen Sanierung ist also insbesondere eine Erweiterung mit grosszügigen Foyers, Künstlerbereichen und Serviceräumen für das künftige Fortbestehen dieses wertvollen Musiksaales unumgänglich.

Der Stehlinsche Musiksaal
Um dem bestehenden Musiksaal mehr Freiraum für die benötigte Raumerweiterung zu verschaffen, wurden diverse Möglichkeiten und Varianten untersucht. Dazu konzentrierten wir uns auf den Raum zwischen dem Musiksaal und der Barfüsserkirche, der im Mittelalter mit Klosteranlagen verbaut war und deshalb aus der Sicht des Denkmalpflegers für bauliche Veränderungen freigegeben wurde. In Analogie zu diesen ehemaligen Klosteranlagen haben wir in ersten Studien kreuzgangartige Anbauten zwischen Barfüsserkirche und Musiksaal geprüft. Aus städtebaulichen, architektonischen und betrieblichen Gründen haben wir diese jedoch bald schon verworfen. Der Stehlinsche Musiksaal war als souveräner Palazzo konzipiert und sämtliche Versuche, Aufbauten anzudocken, wirkten wie eine lächerliche Bastelarbeit. Wie schon die Zubauten von 1938 wurden die kirchenseitigen Anbauten als Rückseiten wahrgenommen, minderwertig im Vergleich zur Schaufassade am Steinenberg.

Die einzige Lösung, die uns überzeugte, war, den Musiksaal als autonomen, vom Casinobau von 1938 frei gespielten Baukörper zu begreifen. Dieser autonome Baukörper musste natürlich grösser werden als der bestehende Kernbau von 1876. Er musste sozusagen aus dem Altbau heraus wachsen, so als sei es schon immer so gewesen. Darum war es wichtig, den zu ergänzenden Teil, welcher die Räume für Foyer, Service und Künstleraufenthalt enthalten soll, in der zumindest für den flüchtigen Blick gleichen neobarocken Architektursprache zu gestalten. Als Modell dazu diente uns die bestehende, durch Anbauten heute weitgehend verdeckte Stehlinsche Rückfassadewelche wir mit digitaler Technologie erfassten und in originaler Grösse nachbauen wollen.

Die Verbreiterung des Volumens bietet nun auf mehreren Ebenen und unmittelbar am Konzertsaal gelegen neuen Raum für Foyers und Bars, aber auch für Künstlerbereiche und Serviceräume. Auch der Hans-Huber Saal, der als Kammermusiksaal erhalten bleiben soll, erschliesst sich künftig direkt von diesen neuen Foyers her. Mit der betrieblichen Entkoppelung von Musiksaal und Stadt-Casino und dem damit einhergehenden Abbruch des heutigen Eingangs- und Treppenbereichs entsteht zwischen Steinenberg und Barfüsserplatz wieder eine direkte Verbindung in Form einer offenen Gasse, so wie diese als Kutschenvorfahrt bis zum Abbruch des Berri-Baus im Jahre 1938 und dem Neubau des heutigen Stadt-Casinos bestand. Der Musiksaal orientiert sich damit künftig sowohl hin zur ehemaligen Kulturmeile des Steinenbergs als auch zum Barfüsserplatz. Der Musiksaal steht nun wirklich auch auf dem Barfüsserplatz, und tritt neben der mächtigen Barfüsserkirche als gleichwertiger Baukörper in Erscheinung. Es entsteht so ein neuer öffentlicher Raum zwischen Kirche und Musiksaal, der bisher bloss als eine Art Hinterhof und Pissecke wahrgenommen wurde. Diese volumetrische und städtebauliche Klärung lenkt unseren Blick jedoch auf weitere, anstehende städtebauliche Mängel – der Casinobau von 1938 und die Platzgestaltung des Barfüsserplatzes mit samt des Tramhäuschen sind weitere Themen, für welche wir in diesem Zusammenhang erste Überlegungen vorlegten.

Der Barfüsserplatz
Der heutige Barfüsserplatz ist das Produkt zahlreicher städtebaulicher Veränderungen und Eingriffe. Seit dem Mittelalter wurde die durch den Birsigfluss geprägte leicht abfallende Topografie des Orts stets neuen Bedürfnissen angepasst, durch Brücklein, Überbrückungen, Stützmauern, Treppen und Tramhäuschen zu einem Lieblingsort der BaslerInnen. Wir schlagen im Zusammenhang mit der Erweiterung des Musiksaals eine Neugestaltung vor, welche sowohl die ursprünglich Topografie (die erhöhte Lage über dem Birsigfluss) und die tiefer gelegene „Talstadt“ zum Ausdruck bringen soll. 1936 wurde der Platz teilweise abgesenkt und 1979 mit einer Freitreppe versehen. Der heute schon bestehende Niveausprung zur Streitgasse ist geeignet, Funktion und Raumprogramm des heutigen Tramhäuschen aufzunehmen. Das heutige Tramhäuschen kann abgebrochen werden, so dass endlich auch die tiefer gelegenen Ebenen des Barfüsserplatzes mit ihren für Basel so typischen historischen und mittelalterlichen Bauten und Restaurants, wie Bodega oder Brauner Mutz besser in Erscheinung treten. Im Zentrum des Platzes kann so durch eine partielle Freilegung des im Mittelalter überdeckten Birsig eine Brunnenanlage entstehen.

Ein Musikzentrum des 21. Jahrhunderts
Durch die Erweiterung des Stehlinchen Musiksaals aus dem 19. Jahrhundert entsteht ein Ort der Sinfoniekonzerte beziehungsweise der Kammermusik für die Stadt von heute. In einer nächsten Etappe kann das Stadt-Casino von 1938 durch Umbau oder Neubau eines weiteren Saals zum Ort der Neuen Musik ausgebaut werden, während sich die Barfüsserkirche als Ort für Geistliche Musik anbieten würde. Am Barfüsserplatz würde so dereinst zwischen Musikakademie, Theater und Schauspielhaus im Herzen der Stadt ein eigentliches Musikzentrum entstehen.
Herzog & de Meuron, 2014

FACTS

Herzog & de Meuron Team:
Partners: Jacques Herzog, Pierre de Meuron, Andreas Fries (Partner in Charge)
Project Team: Michael Schmidt (Associate)
Liliana Amorim Rocha, Alessia Catellani, Axel Chevroulet, Judith Funke, Thorsten Kemper, Maximilian Kimmel, Samuel Seiler, Florian Stroh, Gabriel Wulf

Client:
Casino-Gesellschaft Basel, Switzerland

Client Representative
: Christoph B. Gloor (Präsident der Casino-Gesellschaft); Danilo Tondelli (Gesamtprojektleiter); Urs Giger (Bauherr der Casino-Gesellschaft)